der Urknall

Wiege des Konzepts

Anfang der 2000er Jahre, während meines Bachelorstudiums der Bildenden Kunst, gründeten wir, Kunst- und Musikstudierende der Universität Aix-en- Provence, das Künstlerkollektiv ‘La force molle’. Gemeinsam erkundeten wir die Möglichkeiten des Dialogs zwischen Ton und Bild im Rahmen von Performances, Installationen und Ausstellungen. Live-Musik und Live-Bild waren dabei eng miteinander verbunden.

Die Gruppe von Zeichnern/Malern improvisierte großformatige Bilder (Malerei und Projektionen) zu den Improvisationen der Musiker, die in Echtzeit komponierten. Diese Stücke basierten auf den Bildern, die sie entstehen sahen. Ich habe diese multimedialen Begegnungen immer in lebhafter Erinnerung behalten und ein Interesse daran, Verbindungen zwischen künstlerischen Praktiken zu knüpfen. Dieses Kollektiv hatte noch viele Jahre Bestand. Hier ein kleiner Überblick über spätere Auftritte: La Force Molle Im Rahmen des Seminars ‘Komplex Projekt’ (Master Szenografie 2023/2024 in Konrad Wolf Filmuniversitaet) wollte ich gerne einen ähnlichen Ansatz verfolgen.

Solitärlabor

Ich habe in meiner künstlerischen Praxis eine besondere Faszination für Miniaturwelten entwickelt, in denen verzerrte Maßstabsverhältnisse eine neue Art der Bildbetrachtung ermöglichen.
Das Experimentieren mit ‘Minisets’ ermöglicht es, mit nur wenigen Mitteln Räume von monumentalem Format zu schaffen. Durch eine Makrooptik bieten Volumen und Oberflächen einen anderen Blick auf die Realität. Darüber hinaus bieten diese Maßstäbe die Möglichkeit, ohne Furcht vor Verschwendung und mit geringen Kosten zu experimentieren.
Hier ein von mir erstelltes musikvideo in makrowelten : LUNAR 4:45 min Experimentales Musikvideo (2021) / Musik: ADFICTION / Konzept, Regie, Kamera, Schnitt, Animation und VFX / Christophe Higli.

Unterbau

Geplant ist eine multimediale Live-Performance, bei der ein experimenteller Musikfilm entsteht. Dieser kann ggf. auch in Echtzeit gestreamt werden. Zur Grundausstattung gehören verschiedene Modell-Sets, mehrere Kameras, ein Videoprojektor und Musiker. Die Miniatursets werden aus verschiedenen Winkeln gefilmt und die Musiker improvisieren den Soundtrack zu den groß projizierten Bildern. Das Mini-Set und alle Installationen sind für das Publikum sichtbar.

Bewegte Bilder

Die Minisets sind auf Drehscheiben installiert. Das bedeutet, dass Kamerafahrten und 360°-Ansichten um das Set herum nicht unbedingt durch die Bewegung der Kameras erfolgen müssen. Ähnlich wie ein DJ mit seinen Plattenspielern kann man (mithilfe eines Videocontrollers) von einer Kamera zur anderen wechseln und mit verschiedenen Szenen, Lichtern und Rahmen spielen. Die Geschwindigkeit der Rotation kann durch die auf den Plattenspielern eingebauten Regler moduliert werden.

Ton

Die von den Musikern frei erstellten Melodien verleihen den Szenen die gewünschte Atmosphäre. Der Rhythmus fungiert als Schnittstelle zwischen Bild und Ton. Statt wenig kunstvoller, synthetischer Loops, wie sie eine Drum-Machine produziert, erzeugt das Set selbst die Rhythmen. Man hört, was man sieht. Piezo-Mikrofone sind auf ‘Sensoren’ montiert, mit denen die Elemente des Sets in Kontakt kommen (Stoß, Reibung). Die Mikrofone sind mit einem Audiointerface verbunden, über das die verschiedenen Spuren mit Echtzeiteffekten (Hall, Verzerrung, Echo, Pitch etc.) bearbeitet werden. Die Lautstärke der einzelnen Spuren ist natürlich auch einstellbar. Nach dem Prinzip der ‘Euklidischen Rhythmen’ werden die Elemente der Szenerie an bestimmten Stellen positioniert, um einen klar definierten Rhythmus zu erzeugen. Durch die Drehung auf der Scheibe erzeugt diese Form der ‘Musikbox’ rhythmische Schleifen. Bei einem Viervierteltakt wäre eine Drehung der Schallplatte pro Takt für die Kamera zu schnell. Die Schallplatte wird daher in mehrere Segmente geteilt, um einen sich wiederholenden Rhythmus zu erzeugen. Hier ein Tutorial, das das Prinzip der euklidischen Rhythmen erklärt (auf Französisch, aber die Bilder sind selbstsprechend): Musique et géométrie

kleines konkretes Beispiel

Nehmen wir den Rhythmus von ‘We will Rock You’ von Queen. ‘Poum poum Tchack’. Wir haben zwei Sensoren: einen, der die Bassdrum und einen, der die Snaredrum spielt. Wir sehen also zum Beispiel im Hintergrund zwei Gebäude und eine Laterne vorbeiziehen. Um zu verhindern, dass die Gebäude und die Straßenlaterne an uns vorbeirauschen, wiederholen wir das Muster aus Hintergrund und Rhythmus, z. B. 32 Gebäude und 16 Straßenlaternen, die an den richtigen Stellen auf den Kreisen ihrer ‘Spur’ platziert werden. Dieses Verfahren erlaubt uns beliebige rhythmische Variationen (z.B. einen Beckenschlag alle vier Takte). Ein noch anschaulicheres Beispiel ist Michel Gondrys Musikvideo für die Chemical Brothers ‘Star Guitar’

Wege und Ansatzpunkte für die Forschung

Die Lautstärke jedes Mikrofons kann von den Musikern in Echtzeit mit den Bildern synchronisiert werden, z. B. je nachdem, wo der Fokus der Kamera liegt. So hören wir etwa das ‘Pum Pum’ der Bassdrum und fokussieren dabei auf die vorbeiziehenden Gebäude(jeweils zwei). Die Kamera fokussiert sich auf die Straßenlaternen, dann kommt die Snare ins Spiel. Die Lichtvorrichtungen sind relativ einfach und schlicht: Taschenlampen, einstellbare RGB-LEDs, farbige Filmfilter. In diesem Maßstab kann man mit einer einzigen LED einen epischen und feurigen Sonnenuntergang erzeugen. Die Bilder, die ich im Folgenden anbiete, stammen aus Testsitzungen und persönliche experimente

Einige Sensoren könnten in ständigem Kontakt mit den Oberflächen des Sets stehen und so dessen Texturen übersetzen. Am Beispiel von ‘We will rock you’ könnte der Rhythmus durch das ‘crrr crrr pschhh’ von zwei rauen und einer folgenden glatten Oberfläche erzeugt werden. Hier die erste grobe Tests mit Piezomikrophon.

Die verschiedenen Kameras haben unterschiedliche Objektivverlängerungsringe und können daher verschiedene Brennweiten haben, näher oder weiter heranzoomen etc. Die Rahmen sind ebenfalls modulierbar. Möglich sind hier u. a. Top Shots oder Streifschüsse in Bodennähe. Die Vorrichtung kann auch anders als diskusförmig sein. Denkbar wäre beispielsweise eine Szenerie auf einer zylindrischen Form. So kann eine um 90° geneigte Kamera zeigen, wie sich ein Horizont kontinuierlich nähert. In der Horizontalen ermöglicht die Zylindervariante die Darstellung ebener Flächen: eine Fassade (deren Muster den Zylinder umhüllt), Fenster, Fenster, Dachrinnen. Der Zylinder kann bei Bedarf mit einer Lichtquelle bestückt werden, um die Fenster von innen zu beleuchten.

Horizonte und Tiefgang
Um die Kohärenz dieser Installation/Performance – das Spielfeld mit den Größenordnungen – zu vervollständigen, werden auch genuine Miniaturinstrumente angestrebt. Mit einem Piezo-Mikrofon kann ein einfaches Gummiband wie ein Kontrabass klingen, das Quietschen einer Nadel auf Milchglas, das Verbiegen eines Holzstücks, die Herstellung dieser Instrumente wäre ein nicht zu vernachlässigender Teil des Schaffensprozesses dieses Ensembles. Die Green-Screen-Funktion des Videocontrollers könnte es ermöglichen, die unterschiedlichen Szenerien und Kameras noch weiter miteinander zu verflechten.

Ein interessantes Finale wäre der Versuch, die Elemente, die uns dieser audiovisuelle ‘Spaziergang’ geboten hat, zu kombinieren. Wenn die Geräusche und die Musik, die während der Performance produziert wurden, ebenfalls aufgenommen oder gespeichert wurden, könnten sie bei dieser Gelegenheit in Form von Samples ‘wieder auftauchen’. Die hier vorgeschlagenen Inhalte dienen nur der Veranschaulichung und sind stark vereinfacht (in Anzahl und Qualität). Die Szenerien können viel abstrakter und komplexer sein oder z. B. auch organische Elemente enthalten. Elemente wie hier die Häuser, Laternen und Autos müssen sich nicht unbedingt wiederholen, da die Darstellung spannender ist, wenn sie abwechslungsreich sind. Ihre Platzierung wird, wie bereits erwähnt, von dem angestrebten Rhythmus bestimmt. Die Wahl der Formen, Farben und Beleuchtung ist dagegen völlig frei. Es geht mir hier darum, einen Arbeitsrahmen und eine Handlungsweise vorzustellen, einen modulierbaren kreativen Raum zu schaffen, dessen Motive offen sind. Ein narrativer Rahmen kann erarbeitet werden, wobei die Definition eines spezifischen Effekts zu einem konkreten Zeitpunkt notwendig ist, um nicht in eine chaotische Improvisation der Bilder und Szenen zu verfallen. Eine zu ‘geschriebene’ oder strikt definierte Erzählung scheint mir jedoch die glücklichen Zufälle und die ‘Magie’ des Live-Erlebnisses (den kreativen Prozess in Echtzeit) zu verhindern. Eine bloße öffentliche Wiederholung dessen, was man im Vorfeld entdeckt hat, erscheint mir zwar performativ, aber letztlich arm an emotionaler Erfahrung. Im Idealfall würden die Künstler irgendwie gleichzeitig mit dem Publikum entdecken, was ‘passiert’, sie würden die Bedingungen dafür schaffen, dass ‘etwas geschieht’.

SKizzen

Drehscheibe und Maschinerie

Hier gezeigten Skizzen sind Versuche der Visualisierung, sie sind keine festen Baupläne im eigentlichen Sinne. Bei der Konstruktion der einzelnen Elemente erschienen mir Verbesserungen oder Änderungen der Logik angemessen. Es handelt sich hier sozusagen um Skizzen, um « klarer zu sehen » und besser zu erklären, was ich im Hinterkopf hatte, aber nichts wirklich Endgültiges bis zu ihrer Umsetzung.

Es sind Ideen, die nur  » von vornherein  » funktionieren, manchmal sind sie einfach nur Intuitionen mit hohem spekulativem Potenzial, die höchstwahrscheinlich auf die harte Mauer der Realität aufprallen werden.

Die Details zu den oben genannten Komponenten finden Sie in den Artikeln zu den einzelnen Maschinen.

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